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Ansprache zur Gedenkfeier am  Volkstrauertag 2016 auf dem Waldfriedhof in Misburg am 13.11.2016 Referent: Gisbert Selke
Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Gedenkfeier, nicht von ungefähr reiht sich der Volkstrauertag in die Reihe der Gedenktage für unsere Toten ein. Der November als Zeit des Sterbens in der Natur erinnert uns Menschen immer auch an unsere eigene Endlichkeit. Viele möchten die direkte Konfrontation mit dem Tode vermeiden, ihm aus dem Wege gehen, einen großen Bogen um ihn machen; entrinnen können wir dem Tode dennoch nicht. Am Volkstrauertag ist es in Misburg Brauch, hier auf dem Waldfriedhof der Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft zu gedenken. Nicht der Helden wird gedacht, sondern der Opfer.  Ihre zahllosen Gräber sind über weite Teile der Welt verstreut. Viele Grabstätten blieben bis heute unentdeckt, wurden vergessen oder befinden sich im „Erinnerungsschatten“, wie Bundespräsident Gauck es formulierte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der größten Katastrophe, die die Menschheit je erlebt hat, blieb unser Volk in Trauer sprachlos zurück. Der ruhmreiche Held hatte endgültig ausgedient. Mahnmale als Stätten der Trauer - so auch hier auf dem Misburger Waldfriedhof - ersetzen seitdem bei uns im Lande den einst überhöhten Heldenkult auf Gedenktafeln und Denkmalen. Angesichts der Denkmale vergangener Epochen könnte man meinen, dass Kriege ehemals wie selbstverständlich zum Leben dazugehörten, gewissermaßen als Nachweis eines falsch verstandenen Macht- und Nationalbewusstseins, das den oberen Schichten staatlicher Hierarchie Glanz verlieh, während den unteren Schichten dieser Ständepyramide ein lebenswertes Menschsein willkürlich vorenthalten wurde. Als der griechische Philosoph Herodot (484 v. Chr. – ca. 430 v. Chr.) geboren wurde, tobten noch die Perserkriege. Von ihm stammt der Satz: Kein Mann ist so dumm, den Krieg herbeizuwünschen und nicht den Frieden; denn im Frieden tragen die Söhne ihre Väter zu Grabe und im Krieg die Väter ihre Söhne. Seitdem sind Jahrtausende vergangen und die Menschheit scheint seine Erkenntnis immer noch nicht zu beherzigen. Angesichts der Brutalität des Angriffs auf Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs äußerte der französische Schriftsteller und Pilot Antoine de Saint-Exupéry, Autor zahlreicher spannender und gleichzeitig hoch philosophischer Schriften: Hunderttausend Tote, das ist eine Statistik. Aber einer, der fortgeht und nicht wiederkommt, das schmerzt – das ist viel mehr. Diese hunderttausend Toten sind aber auch „hunderttausend“ eigene und einmalige Namen und „hunderttausend“ einzelne Schicksale der betroffenen Familien: der Frauen, Kinder und der Eltern. Die aktuelle historische Forschung geht heute davon aus, dass allein in den beiden Weltkriegen nicht nur „hunderttausend Tote“, sondern über 120 Millionen Menschen, ihr Leben oder ihre Gesundheit verloren. Obwohl wir in Deutschland seit nunmehr 71 Jahren in Frieden leben, wird auf der Welt weiterhin massenhaft gestorben. Auch deutsche Soldaten verlieren gegenwärtig wieder bei Einsätzen an Krisenherden in der Welt Leben oder Gesundheit - Opfer, deren Existenz gern im öffentlichen Leben verschwiegen wird. Bereits anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2015 gab ich zu bedenken, dass wirklicher Friede nur gelingen könne, wenn konsequente Friedenserziehung integraler Bestandteil familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Bildung und Erziehung junger Menschen ist. Friedenserziehung - so sagte ich - beginnt in der eigenen Familie, im eigenen Hause, in der eigenen Schule, in der eigenen Mannschaft, durch soziales Engagement oder auch bei der Pflege von Kriegsgräberstätten, organisiert durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sieht seine Aufgabe neben der Pflege der Kriegsgräberstätten insbesondere in einer multinationalen Jugendarbeit, die der Versöhnung über den Gräbern dient. Schülerinnen und Schüler äußerten betroffen nach dem Besuch einer Kriegsgräberstätte: Erschreckend für uns war, dass viele Gefallene nicht älter waren als wir. Die Gräber der Kriegstoten erschließen sich der jungen Generation nicht von selbst. Es braucht Information und Erklärung. Es braucht Raum für die Konfrontation mit dem massenhaften Sterben, aber auch mit den Einzelschicksalen in ihrer ganzen Tragik an Lernorten mit mahnendem Charakter. Plakative Absichtserklärungen über dem Schulportal wie „Schule gegen Gewalt“ oder „Schule für den Frieden“ bleiben hohle Phrasen, wenn nicht jede Schülerin, jeder Schüler lernt, dass Gewalt, Fremdenhass und Ausgrenzung schwere Verstöße gegen die Friedenspflicht in Schule und Gesellschaft sind. Sehen wir den Volkstrauertag als ein verpflichtendes Erbe an. Nutzen wir ihn zum Atemholen, zum Nachdenken über Krieg und Gewalt, zur Reflexion über uns und unsere Versöhnungsbereitschaft mit den Menschen in Europa und der Welt und freuen wir uns darüber, dass wir in einem Land ohne Krieg leben dürfen. Nicht mit geschmackvollen Kranzschleifen allein vermögen wir den Friedensprozess in Gang zu halten, obwohl natürlich auch äußere Zeichen für das Gedenken wichtig sind. Doch darüber hinaus muss ein pädagogischer Prozess stattfinden, ohne den jede Friedenserziehung fehlschlagen muss. Das im Christentum und in anderen Religionen auf eine kurze Formel gebrachte Liebesgebot gebietet unter anderem die Liebe zum Nächsten. Die Bergpredigt z. B. ist deshalb nicht zufällig eine der Grundlagen für die allgemein gültigen Menschenrechte geworden. Wir alle aber wissen auch um die aktuelle Wirklichkeit und den Wert dieser Grundrechte. Täglich werden diese Rechte von Menschen mit Füßen getreten. Gründe dafür sind unter anderem Machtstreben, Habgier, und moderne Versklavung ganzer Volksgruppen, ja sogar ganzer Völker und Erdteile. Hier sind Sieger am Werk, nicht Helden! Hier werden Menschen zu willfährigen Erfüllungsgehilfen gedrillt und wie Marionetten am Gängelband geführt, die sich nie befreien konnten von zweifelhaften Ideologien und nie gelernt haben, dass Frieden und Freiheit die höchsten Güter sind, für die es sich einzusetzen lohnt und die jederzeit verteidigt werden müssen. Von Romain Rolland (1866 – 1944) stammt der Satz: Es gibt nur ein Heldentum: die Menschen zu kennen und sie trotzdem zu lieben. Solches Heldentum, das ich in meiner am Volkstrauertag 2015 gehaltenen Gedenkrede als stilles Heldentum bezeichnet habe, setzt sowohl eine konsequente als auch eine sensible Erziehung voraus. In vielen Staaten der Welt ist der Begriff Friedenserziehung immer noch ein geächtetes Fremdwort. Eine Garantie der Menschenrechte ist dort nicht gewollt. Die Erziehung junger Menschen wird dort auf eine „eingedampfte“ und systemkonforme Bildung und Ausbildung reduziert, deren pädagogische Intentionen eher das Schüren von Hass und Gewalt beinhalten, als zu lehren, alles das auszumerzen, was weh tut. In der Präambel der UNESCO von 1945 findet sich der Satz: Da Kriege in den Seelen von Menschen ihren Ursprung haben, muss auch die Verteidigung des Friedens in der Seele des Menschen entstehen. Hat die Weltgemeinschaft seitdem dazugelernt? Trotz andauernder schmerzhafter Rückschläge bleiben wir dafür verantwortlich, dass Frieden, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nicht nur schöne Worte bleiben, sondern gelebte Werte sind, für die es sich einzusetzen lohnt und für die wir uns starkmachen müssen. Wir können die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft nicht zurück ins Leben holen, wir können ihnen aber versprechen, mit aller Kraft zu versuchen, das Leben in Frieden und Freiheit zu schützen. Ich danke Ihnen.
Bergen-Belsen - Friedhof und Mahnmal
Kriegsgräberstätte für ca. 20.000 sowjetische Kriegsgefangene in Hörsten - Teilansicht
Bildquellen: Wikipedia
Waldfriedhof Misburg - Gedenktafeln für Gefallene des Weltkriegs I
Waldfriedhof Misburg - Ruhestätte für Kriegsopfer des Weltkriegs II 
Friedhof Anderten, Ostfeldstraße Ruhestätte für Kriegsopfer des Weltkriegs II
Denkmäler und Gedenkstätten im Stadtbezirk
Mahnmal für die Opfer im ehemaligen KZ Misburg an der Hannoverschen Straße
Bilder: NANAnet Misburg-Anderten