NANAnet Misburg-Anderten Header
 
Bericht u. Bilder: Volkmar Stiboy
Gestaltung & Layout: KNL 
NANAnet Misburg-Anderten

Tag 78/79 Aixe - sur - Vienne Ruhetag 01./02.08.2022 Ich ließ es sehr ruhig an diesem Morgen angehen . Ich stand etwas später auf, erledigte meine Morgenroutine und ging, da der Campingplatz sehr günstig lag, in die kleine Stadt und versorgte mich mit frischem Croissants und kleinen Baguettes . Dann frühstückte ich in aller Ruhe und beobachtete das Treiben auf dem Platz . Einige reisten ab und andere kamen gerade erst an und richteten sich ein . Ich beschloss nicht ganz untätig zu sein und schrieb mein Tagebuch . Dabei dachte ich an den bisherigen Weg und daran, das als ich losging der Frühling erst begann und nun haben wir schon Sommer, das Gras begann erst zu wachsen und jetzt ist schon Heuzeit , das Sommergetreide war schon geerntet und die Felder wurden schon für die Wintersaat vorbereitet . Es war Nachts nicht mehr so kalt im Zelt wie zu Beginn meiner Reise . Ich hatte viele interessante Menschen kennengelernt, die diesen Weg aus den unterschiedlichsten Beweggründen gingen und wir kamen ins Gespräch . Ich dachte an die unterschiedlichsten Regionen, den vielen Regen, den ich ertragen musste, die derzeitige, schon länger anhaltende Hitze, meine selbstverordneten Rationierungen an Wasser und Verpflegung und dass ich nun schon dreiviertel von Frankreich durchlaufen habe . Wenn Pilger oder ich durch kleine Orte kamen, dann fragten uns einheimische Bewohner auch oft, ob wir was an Getränke brauchten, reichten uns kostenfrei Obst oder luden uns zum Ausruhen ein . Ich dachte aber auch daran, dass ich durch die vielen Ruhetage, die ich nicht berücksichtigt habe, zeitlich schon weit zurück lag . Das war so auch nicht mehr aufzuholen . Diesen Umstand nahm ich aber entspannt, noch vor knapp elf Wochen hätte mich dieser Umstand absolut in Panik versetzt und ich wäre innerlich so unruhig geworden, dass ich keinen klaren Gedanken hätte fassen können . Aber der Jakobsweg hat mich gelehrt, dass ich momentan nichts daran ändern kann und jetzt auszuflippen mich nicht weiterbringen würde . Ich ging noch einmal in den Ort in eine kleine Créperie , setzte mich an einem Außentisch an die Straße und genoss meinen Kaffee und ein Stück Kuchen . Gleichzeitig verwunderte mich die Gelassenheit der Bedienung und der wartenden Gäste an den Tischen . Die Bedienung arbeitete einen Tisch nach dem anderen ohne Hektik ab und die Gäste warteten geduldig ohne zu murren und zu meckern, dass es zu lange dauern würde . Es war eine andere Mentalität und das spürte ich jeden Tag hier . Dann ging ich zurück und setzte mich vor mein Zelt . Zwischenzeitlich war nicht weit von meinem Zelt eine junge Frau eingetroffen und ich sah wie sie sich versuchte einzurichten . An ihrem Rucksack sah ich die Jakobsmuschel und mir war klar, dass sie sich, so wie ich auch, auf dem Jakobsweg befand . Der Boden war hart von der Trockenheit und sie hatte Probleme die Heringe ihres Zeltes in den Boden zu bekommen . Ich sprach sie auf Englisch an, bot ihr meine Hilfe an, die sie gern annahm . Wir sprachen während des Aufbaus nach Woher und Wohin, fragte nach ihrem Namen und ich sagte ihr meinen Namen und dass ich Deutscher wäre, da antwortete sie auf sehr gutem Deutsch mit französischem Akzent „Mein Name ist Rachel, wir können uns in deiner Landessprache unterhalten, so frische ich gleich meine Deutschkenntnisse auf . “ Ich war sehr erstaunt, so tief in Frankeich eine junge Französin zu treffen, die Deutsch sprach . Meine Neugier und mein Interesse waren geweckt und ich fragte sie „Woher kannst du dieses perfekte Deutsch?“ Sie erzählte mir, dass sie Verwandte in Berlin hat und sie diese besuche, gleichzeitig studiere sie deutsche Geschichte und Literatur . Nach dem Aufbau zogen wir uns an unsere Zelte zurück und Rachel ging duschen .
Mein Zelt hatte ich in der Nähe einer festinstallierten Sitzgruppe aufgebaut und etwas später saß ich an der Sitzgruppe und aß zu Abend . Rachel saß vor ihrem Zelt und wollte auch zu Abend essen . Ich bat sie zu mir an den Tisch und wir aßen gemeinsam . Dabei unterhielten wir uns und sie erzählte mir, dass sie kurzentschlossen von einer Freundin hier in der Nähe aufgebrochen, aber völlig unvorbereitet ist . Sie fragte mich nach noch zu beschaffender Ausrüstung, wie die Wegstrecken am Besten zu planen sind und andere wichtige Dinge für den Weg . Ich erklärte ihr alles und sie sagte, dass sie nur eine Nacht hier ist und morgen weiterziehe, aber sie wüsste nicht wie weit sie gehen würde, denn sie möchte derzeit nur ihren Kopf frei bekommen . Das bedauerte ich sehr, denn sie war ein sehr angenehmer Mensch und ich wäre gern eine Wegstrecke mit ihr zusammen gegangen . Kurzzeitig war ich am überlegen, ob ich ebenfalls morgen aufbrechen sollte, was ich dann nicht tat . Das sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt als richtige Entscheidung herausstellen . Es war ein sehr angenehmer Abend mit einem regen Austausch über uns persönlich und unseren Kulturen, da sie trotz ihrer Verwandtschaft sehr viel über Land und Leute in Deutschland wissen wollte . Denn ich kam nicht aus Berlin und Umland . Somit bekam Rachel auch einen regionalen Einblick, den Sie vorher nicht hatte . Wir wollten uns schreiben und tauschten unsere E - Mail - Adressen aus . Danach verabschiedeten wir uns und gingen schlafen . Am nächsten Morgen als ich aufgestanden bin, hatte Rachel schon gepackt . Wir aßen noch zusammen, dann begann sie ihre heutige Tagesetappe und ich blieb etwas traurig zurück . Nach dem ich allein war, machte ich mich auf den Weg zum Fluss Vienne, was vielleicht 300 m waren und ich genoss die Sonne und den Duft des Wassers . Aber mit den Gedanken war ich bei Rachel, was mich sehr verwunderte . Hatte ich mich gerade verliebt? Vielleicht ein bisschen , aber es war mehr große Sympathie für Rachel . Keine Pilgerwegbekanntschaft hing ich gedanklich so nach . Ich war fasziniert von ihr . Dennoch werde ich morgen allein gehen und fasste einen brutalen Entschluss . Ich werde versuchen sie einzuholen . So ging auch dieser Tag ereignislos zu Ende
Tag 80 Aixe - sur - Vienne nach Firbeix 03.08.2022 An dem heutigen Morgen bin ich sehr früh aufgestanden und war mit meiner Morgenroutine früh fertig . Dies war auch so beabsichtigt . Nach Kaffee und Frühstück, machte ich mich gegen 07 : 15 Uhr auf den Weg . Mein Entschluss zu Rachel aufzuschließen, hatte ich mir zum Ziel gesetzt . Also brach ich auf und versuchte heute etwas schneller unterwegs zu sein . Auch die Pausen fielen etwas kürzer aus . Die einzige längere Pause, die ich einlegte, war in Flavignac ca . 15 km nach meinem Start, was auch das Tagesziel von Limoges gewesen wäre, um dort auch die kleine Kirche zu besuchen . Dadurch, dass ich aber schon in Aixe - sur - Vienne schon 10 km von Limoges erpilgert hatte, konnte schon die Strecke bis La Coquille (die Muschel) ca . 29 km einplanen . Was eine heutige Tagesstrecke von 44 km betrug . Dies tat ich denn auch und überschlug danach, wieviel Kilometer Rachel am Tage zurückzulegen vermochte . Ich entschied mich für ca . 25 - 28 km, das wären gut 50 - 56 km Vorsprung . So setzte ich meinen Weg fort . Gut vorankommend, forderte mein hohes Marschtempo und die Wärme ihren Tribut . Ich durch lief viele kleine Orte und schöne Landschaften, aber dafür nahm ich mir heute wenig Zeit . Heute war ich nur darauf fixiert, viele Kilometer zu schaffen, was nicht der Sinn des Pilgerns ist . Unterwegs traf ich dann eine Schweizerin mit ihrem Sohn und wir gingen ein Stück zusammen . Sie wollten in Châlus übernachten . Wir kamen durch Châlus und legte noch einmal eine kleine Trinkpause ein . Irgendetwas war nicht richtig . Ich war sehr entkräftet, was an dem hohen Tempo von mir und der Wärme liegen konnte . Laut meinem Buch hatte ich noch ca . 17 km bis nach La Coquille vor mir, aber mir wurde bewußt, dass ich es nicht schaffen werde . Dennoch wollte ich so weit wie möglich kommen und machte mich wieder auf den Weg . Nun sah ich auch ein Schild, dass beschrieb, dass hier der Marschweg von Richard Löwenherz zu den Kreuzzügen im ausklingendem 12 . Jahrhundert war, zu denen Papst Gregor VIII . aufgerufen hatte . Dann nahm ich wieder mein Tempo auf und marschierte weiter, nach einem kurzen heftigen Aufstieg kam ich durch Monchaty , einem kleineren Städtchen mit Burg und Stadtmauer . Ich kam noch bis Firbeix einem kleinen Ort abseits meines Pilgerweges . Die letzten geschätzten 8 km war ich kräftemäßig nicht mehr in der Lage zu gehen . Ich schlug mein Zelt nicht nachdenkend zwischen einem Waldrand und einem Maisfeld in der Nähe eines Rinderstalles auf . Gern hätte ich nach so einem Tag eine Dusche und ein richtiges Bett gehabt, aber ich war so entkräftet und es war auch schon zu fortgeschrittener Zeit und ich war nicht mehr in der Lage die letzten 8 km zu gehen . Als ich mit allem fertig war, war es gegen 18 : 30 Uhr und ich aß noch etwas und ruhte mich dann in meinem Zelt aus . Aber an Schlaf war diese Nacht nicht zu denken . Die Kühe brüllten die ganze Nacht im Stall, als wenn sie zu wenig Futter oder Wasser hätten, dann bekam ich im Maisfeld Besuch von einer Wildschweinrotte, die sich sehr lange dort durchfraßen . Als es dann ruhiger wurde, bellte ein Fuchs und ein anderes Tier schnüffelte an meinem Zelt, was auch einige Zeit dauerte .